120 Jahre Basis des Chores

Extertal-Bösingfeld (red). Mahatma Gandhi wird erschossen, die D-Mark eingeführt, Berlin durch eine Luftbrücke versorgt. Für Wilhelm Thielking ist das Jahr 1948 aber noch aus einem anderen Grund ein besonderes: Er wird Mitglied im Posaunenchor Hille. Inzwischen bläst der Tubist seit 50 Jahren, seit Anfang der 60er Jahre im Posaunenchor Bösingfeld. Gemeinsam mit Gerd Schwekendiek bilden sie mit ihren dicken Tuben die Basis für den Chor. Und das nun auch schon seit 50 Jahren, als Gerd Schwekendiek zum ersten Mal zum Instrument griff.

An ihre Anfänge, beide waren damals etwa zehn Jahre alt, können sich Schwekendiek und Thielking noch gut erinnern. „Meine Brüder spielten schon im Chor, zu Hause hatten wir aus alten Zeiten noch eine Fanfare, da war es irgendwie klar, dass ich auch anfange“, sagt Wilhelm Thielking zurückblickend. Unterricht, so wie er heute vom Posaunenchor Bösingfeld erteilt wird, kannte er in den 40er Jahren nicht. „Wir hatten das Heft ‚Blas und spiel mit‘, haben die ersten Griffe gelernt und dann ging es los“, erinnert sich der bald 80-Jährige. „Wer im Kuhlo-Choralbuch die Nummer 9a spielen konnte, war fit für den Chor.“ Bei einigen Stücken standen die Griffe über den Noten, dass es noch mehr als ein b-Vorzeichen gab, musste sich Wilhelm von seinem Sitznachbarn im großen Chor erklären lassen.

Ganz ähnlich war es auch noch 20 Jahre später, als Gerd Schwekendiek seinem Tenorhorn die ersten Töne entlockte. Sein Einstieg in die Musik fiel mit dem Prager Frühling, dem Höhepunkt der 68er-Bewegung und der Einführung der Mehrwertsteuer (damals zehn Prozent) zusammen. „Mich hat mein Lehrer Heinz Lüdeking, der Gründer und auch viele Jahre Leiter des Posaunenchores Bösingfeld war, zum Blasen gebracht“, so Gerd Schwekendiek. Auch damals hießt es „learning by doing“. Werden heute die Posaunenchor-Neulinge etwa zwei Jahre geschult, dauerte es für Gerd Schwekendiek nur einige Monate, „von Ostern bis zum Adventskonzert“, dann konnte er im großen Chor mitspielen.

Swing, Blues, Pop oder Musical – alles, was im Jahr 2018 ganz selbstverständlich zum großen Repertoire des Posaunenchores Bösingfeld gehört – war damals noch völlig unbekannt. „Wir hatten das Choralbuch, Lobt Gott I und II und unseren Kuhlo, mehr nicht“, lacht Wilhelm Thielking angesichts des heute prall gefüllten Notenschranks. Noch vor 40 Jahren reichte eine Aktentasche, da kam dann noch Bachmann 1 und die Alte Spielmusik herein, fertig. Dafür wurde mindestens dreimal im Jahr an Frühgottesdiensten gespielt, bei Beerdigungen und anderen Anlässen. Über Monate musste der Posaunenchor, mit Wilhelm und Gerd an den Tuben, bei Umbauarbeiten in der Kirche die Orgel ersetzen und also jeden Sonntag spielen.

40 bis 50 Bläser drängten sich zu Spitzenzeiten in den 60er-Jahren im Chorraum der Evangelisch Reformierten Kirche zu Bösingfeld. Die Bläser spielten in Horn- (mit Flügel- und Tenorhorn), Tromba- (mit Trompeten und Posaunen) oder sogar in Barock-Besetzung bei ihren verschiedenen Auftritten. Heute hat sich zwar die Bläserliteratur vervielfacht, dennoch ist es manchmal schwierig, aus gut 20 noch aktiven Musikern eine blasfähige Gruppe zu stellen. (Fast) immer mit dabei sind die beiden Tuben, Wilhelm und Gerd, wenn sie nicht durch eine Krankheit verhindert sind. Während Gerd seit 50 Jahren im Bass bläst, hat Wilhelm vom Flügelhorn über die Posaune und nun die Tuba fast alle Posaunenchor-Instrumente schon gespielt. Für Swing und Reggae sind sie heute auch zu haben, auch wenn ein alter Kuhlo-Choral nicht nur den beiden tiefen Stützen des Chores noch immer das Herz erwärmt.

Gerade beginnt die Ausbildung beim Posaunenchor Bösingfeld neu. Interessenten können sich an Sandra Grotius unter Telefon 05262/57156 wenden.

Info: Die Tuba (lateinisch für „Röhre“) ist das tiefste Blechblasinstrument und Basis für den Klang eines Posaunenchores. In abgewandelter Form war das Instrument bereits im Römischen Reich bekannt. Einschließlich aller Ventilschleifen misst das Rohr der Tuba fast zehn Meter, der Tonumfang des Instruments liegt für geübte Bläser bei mehr als vier Oktaven. Gestern (immer am ersten Freitag im Mai) war (seit 1979) der Welt-Tuba-Tag.